Warum wir das „Vorspiel“ abschaffen sollten – Keine Angst, nur das Wort!

*ein Gastbeitrag von Cleo Libro

Beim „Vorspiel“ wissen vermutlich fast alle, die sexuell interessiert oder aktiv sind, was gemeint ist. Warum braucht es dann dazu noch ein Statement? Das ist fix erklärt! Denn befinden wir uns erst einmal in einer Situation, in der es zum berühmten Vorspiel kommt, kann sich schnell herausstellen, dass unterschiedliche Leute sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben. Es kann die verschiedensten Meinungen dazu geben, was das Vorspiel beim Paarsex alles beinhalten sollte und wie wichtig es überhaupt für das sexuelle Erleben ist.


Kann Kuscheln schon zum Vorspiel gehören? Oder nur, wenn dabei keine Klamotten mehr im Spiel sind? Ist Knutschen im Bett Vorspiel, aber im Park noch nicht? Müssen die Beteiligten sich überhaupt berühren oder kann ein Vorspiel schon mit einem tollen Abendessen beginnen? Ist es eine lästige Pflichterfüllung für die einen und das Must Have für die anderen, um überhaupt sexuell auf ihre Kosten zu kommen?



Eins ist klar, das Vorspiel soll in Stimmung bringen. Das erklärte Ziel ist es, sich gegenseitig und aneinander so zu erregen, dass es dann letztlich zum „richtigen“ Sex kommen kann, in dessen Mittelpunkt aller meistens die vaginale oder anale Penetration steht. Die wörtliche Bedeutung des Begriffs „Vorspiel“ setzt voraus, dass es auch einen Hauptakt gibt (hier der penetrative Geschlechtsakt). Und das verknüpft diesen Ausdruck unmittelbar mit einer sehr einseitigen und größtenteils heterosexuellen Sichtweise auf Sex.


Ist das Vorspiel schon Sex?

Wenn das „Vorspiel“ sich vom „Hauptakt“ in der angewendeten Sexpraktik unterscheiden muss, damit es überhaupt einen Unterschied gibt, was bedeutet das dann beispielsweise für lesbischen Sex? Mal angenommen zwei Frauen befriedigen sich gegenseitig oral und kommen dabei sogar zum Orgasmus, ganz ohne dass Penetration dabei eine Rolle spielt. Hatten die beiden dann nur ein „Vorspiel“ und gar keinen Sex? Nach der obigen Definition ja, was bedeuten würde, dass lesbische Paare niemals Sex miteinander haben könnten. Und das halte ich für eine viel zu eindimensionale Interpretation von Paarsexualität.

Aber auch in Bezug auf Heteropaare mal ein kleines Gedankenexperiment: Eine Frau und ein Mann befriedigen sich gegenseitig oral in der 69er-Stellung und beide erleben einen Höhepunkt. Am nächsten Morgen fragt ihr Lebensgefährte sie beim Brunch, ob sie am Vortag Sex hatte. Weil aber weder vaginale noch anale Penetration stattgefunden hatte, antwortet sie aufrichtig mit „Nein“. Und? Fühlt sich das für dich auch nicht so ganz stimmig an?


Irgendwie seltsam, dass das Vorspiel so unterschiedlich bewertet werden kann oder? Wenn es darum geht, eine bestimmte Sexpraktik wie die Penetration als etwas durchzusetzen, das in keinem Schäferstündchen fehlen darf, dann ist das Vorspiel noch kein Sex. Aber wenn es darum geht, ob eine Person eventuell die gesetzten Grenzen einer Beziehung übertreten hat, dann bekommt das Vorspiel plötzlich viel mehr Gewicht verliehen. Ich fürchte, hier haben wir es mit einem Doppelstandard zu tun. Und weil die meisten Menschen nicht von Doppelstandards profitieren, sollten wir diesen so schnell wie möglich aus der Welt schaffen!



Schluss mit Vorspiel!

Was also tun mit dem „Vorspiel“? Ich sage: Weglassen! Nein, nein, nicht das gegenseitige Anturnen, in Stimmung streicheln oder zu orgasmischen Genüssen verhelfen. Ich denke, wir sollten den Begriff „Vorspiel“ weglassen und damit auch die Überhöhung von Penetration bzw. die Degradierung von allem anderen, das Spaß an körperlicher Intimität bereitet, zu einer unwichtigeren Vorstufe von Sex.

Lasst uns doch alles das, was Sex sein kann und darf, als solchen benennen, um niemanden vom „Sex haben“ auszuschließen, der*die mit Penetration nichts anfangen kann. Aber auch, um uns gegenseitig zu schützen! Denn auch durch Praktiken wie Oralsex, die allgemein gerne „nur“ zum Vorspiel gezählt werden, können möglicherweise sexuell übertragbare Infektionen weitergegeben werden. Wenn aber die Meinung vorherrscht „Kondome und Lecktücher, ja, aber die braucht man doch nur beim richtigen Sex“, dann können viele brenzlige Situationen gefährlich unterschätzt werden.

Natürlich benötigt Sex eine Aufwärmphase, egal ob beim Solosex, Paarsex oder in der Gruppe. Unsere Genitalien brauchen Zeit und Aufmerksamkeit als Vorbereitung, um wirklich erregt zu werden und uns ein angenehmes körperlich-intimes Erlebnis zu ermöglichen. Und auch gerade deshalb sollte diese Phase beim Sex nicht zu einer Vorstufe ausgesondert werden, die man eben getrost auch mal weglassen kann, wenn’s mal wieder schnell gehen soll. Ich meine, nichts gegen Quickies, aber die sollten doch lieber die Ausnahme als die Regel bilden oder?


Worte sind wichtig

Weil wir meistens mit Worten mitteilen, wie wir unsere Welt verstehen und weil Sex für die meisten von uns ein Teil dieser Welt ist, ist es wichtig, welche Worte wir wählen. Der Begriff „Vorspiel“ kann schlicht nicht ohne die Degradierung verstanden werden, die dadurch einer Phase des Paarsex aufgedrückt wird, die für die meisten Menschen essenziell für ihren Genuss und für viele sogar exklusiv für ihre Höhepunkte verantwortlich ist.


Wenn wir diese Phase nicht sogar eigentlich als die wichtigste betrachten wollen, dann lasst uns wenigstens aufhören, unterschiedliche Abschnitte während des Sex zu hierarchisieren. Denn wenn es in unserem Wortschatz keine Unterscheidung zwischen „Vorspiel“ und „Hauptakt“ beim Sex mehr gibt, dann verschmilzt beides auch in unserer sexuellen Realität. Und dann kann auch niemand mehr „das Vorspiel vielleicht heute Nacht doch einfach mal weglassen.“ 😉


Über Cleo Libro

Im Frühling 2018 kam Cleo zur Welt, als ich mir diesen Namen gab, um zum ersten Mal in einem Podcast über meine offene Beziehung zu sprechen. Mit den Jahren gesellten sich weitere Themen zu meinem regelmäßigen Tabu-Kaffeeklatsch: Weibliche Sexualität, Dating, Masturbation, Konsens und weiteres aus dem Bereich „Lust und Frust einer promisken Frau.“

Seit Januar 2021 existiert mein Blog Cleographie, wo ich meine in Schrift gefassten Gedanken und Erfahrungen zu Non-Monogamy, Zwischenmenschlichkeit und Feminismen veröffentliche. Eine Bauchidee, die stetig zu einem Herzprojekt heranwuchs, weil sie meine Begeisterung für Sprache, Schriftmedien und Sexualität vereint.

Kommunizieren komplettiert mich. Neues lernen fasziniert mich. Schreiben ist mein Versuch etwas von dieser Energie weiterzugeben.

Insta: @cleo.libro


Beschreibe dich in 3 Worten: mitteilsam, mitfühlend, mitreißend

Worin bist du besonders gut: Genießen und mich für etwas begeistern

Was sind deine absoluten Herzensthemen: Alternative Beziehungskonzepte, Kommunikation, Selbstbestimmung und generell alles Zwischenmenschliche oder Sexuelle, das tabuisiert wird.

Welche Kondomsorte wärst du und warum?

Ich wäre ein Kondom von Releaf, weil es super nice riecht/schmeckt, angenehme Haptik und Feuchtigkeit hat und für meine Anwendung ein neuer Baum gepflanzt würde. Außerdem hätte mein Hersteller dann einen guten Humor: Ich sag nur, „Forst pflanzen anstatt fortpflanzen“, hihi.