Kindliche sexuelle Entwicklung #Folge3

Text zur Podcast-Folge 3 des sexOlogisch Podcast, verfasst von Corinne Hennico


Obwohl die kindliche sexuelle Entwicklung bereits in der Gebärmutter beginnt, wird sie für uns erst ab der Geburt des Babys sichtbar. Jeder von uns wird bei der Geburt mit den folgenden drei Lustpaketen beschenkt:


Orale Lustfähigkeit: Wir empfinden Lust, wenn wir etwas in den Mund nehmen. Dieses Paket ist überlebenswichtig, da es versichert, dass wir Nahrung und Flüssigkeit zu uns nehmen.
Anale Lustfähigkeit: Von Geburt an empfinden wir es als Genuss etwas auszuscheiden.
Genitale Lustfähigkeit: Babys besitzen bereits im Mutterleib die Fähigkeit zur Erektion. In Studien wurde nachgewiesen, dass der Penis von Babys bereits vor Geburt eregiert.

Wichtig anzumerken ist hier, dass diese Lust nicht mit der erwachsenen Sexualität gleichzustellen ist. Die Lust, von der hier die Rede ist, führt nicht zu Sex. Hier dreht es sich alleine um Genuss.


Was sind die Unterschiede kindlicher und erwachsener Sexualität


Als Erwachsene, haben wir eine andere Sicht auf Sexualität. Diese ist beeinflusst von vergangenen Erfahrungen, Moral und der Gesellschaft. Diesen Einfluss haben Kinder natürlich noch nicht. Das einzige Ziel für Kinder ist es lustvolle Dinge zu erleben. Zur klaren Unterscheidung kann man hier zwei Prinzipien heranziehen:


Hier-und-Jetzt Prinzip: Als Kinder leben wir mehr in der Gegenwart. Unsere Reaktionen sind nicht gezeichnet durch eventuelle Konsequenzen in der Zukunft.


Gleichwertigkeitsprinzip: Erwachsene sind sich darüber im Klaren, welche Tätigkeiten sie bevorzugen. Kinder wissen das erst mit etwa 6 - 10 Jahren. Da sie noch keine Favoriten haben, gehen sie meist auf alle neuen Spielangebote an. Unterschiedliche Angebote zeigen für sie die gleiche Attraktivität auf.

Warum und wie sollen die Lustpakete von Kindern erweitert werden?


Ziel soll es sein die Kinder dabei zu unterstützen eine ganze Lagerhalle an Paketen zu erwerben. Dies ermöglicht eine Vielfalt an Handlungsoptionen in allerlei Lebensbereichen (Konfliktsituationen, Beziehungen, Berufsalltag usw.).


Eine Erweiterung kann zum Beispiel durch Doktorspiele oder allgemein kindliche Genitalspiele stattfinden. Die Erfahrung unseres Körpers bei Bewegung und von uns selbst in verschiedenen Beziehungen, erlaubt es uns selbst als lustvoll zu erleben.


Weitere Förderungsmöglichkeiten sind verschiedenste Materialien anbieten, wie etwa Bälle zur Selbstmassage. Den eigenen Körper kann man auch erfahren durch beispielsweise schnelles Rennen, das Spielen eines Riesen, Eis oder Schüssel ausschlecken. Bei jeder solchen Erfahrung klingelt der Postbote mit einem neuen Lustpaket!


Viele Menschen haben jedoch ein Problem mit Doktorspielen. Warum ist das so? Wir sehen Doktorspiele durch Sexualitäts-Brille von Erwachsenen. Diese unterscheidet sich jedoch stark von der Perspektive eines Kindes. An dieser Stelle kannst du gerne einmal innehalten und diese Abneigung gegenüber Doktorspielchen hinterfragen.


Sexuelle Basiskompetenzen fördern bedeuten Prävention betreiben!


Durch die Förderung sexueller Basiskompetenzen unterstützen wir die Entwicklung der sexuellen Identität von Kindern. Dies hat einen positiven Effekt auf die Prävention von übermäßigem Pornokonsum, ungewollte Schwangerschaften, grenzüberschreitendes Verhalten, sexualisierte Gewalt und vieles mehr!


In der sexuellen Entwicklung übernehmen Kinder automatisch die Moralvorstellungen der Erziehenden. Somit werden indirekte Glaubenssätze an Kinder vermittelt.


Vermittlung indirekter Glaubenssätze? Beispiel bitte!


Am einfachsten lässt sich das erklären mit einem Beispiel:

Ein Kind läuft in seiner Windel zu Hause rum. Mit der Hand in der Windel spielt es lustvoll mit dem eigenen Genital. Nun reagieren Eltern häufig mit Ekel und leiten das Kind an die Hand da schnellstmöglich rauszunehmen. Die einzige Situation, in der solch eine Reaktion Sinn ergibt, ist, wenn die Windel des Kindes voll ist! Besser ist es dem Kind rückzumelden, dass wir erkennen, dass es sich gut anfühlt und das toll ist. Später können wir dem Kind soziale Regeln vermitteln, bezüglich wann solches Verhalten angebracht ist. Somit vermeiden wir dem Kind zu vermitteln, dass sich anzufassen falsch ist.


Bei solchen Situationen gilt es wieder die Erwachsenenbrille abzunehmen und kindliche Sexualität von der von uns Erwachsenen gelebten Sexualität zu unterscheiden!


Die 4 Ebenen der sexuellen Basiskompetenzen im Detail


Generell wird bei den sexuellen Basiskompetenzen zwischen vier Ebenen unterschieden. Diese sollen vor allem im Alter von 0 - 10 Jahren gefördert werden.


1. Körperliche Kompetenz


Hierunter versteht man die Fähigkeit den eigenen Körper, als Instrument wahrzunehmen. Dazu gehört auch das Begreifen des eigenen und anderen Geschlechtsorganen. Menschen, die mit Penis geboren werden, haben hierbei einen Vorteil: Da sie ihren Penis beim Gang zur Toilette anfassen haben sie vermehrte Möglichkeit ein Gefühl zum einen Genital zu entwickeln. Kinder mit Vulva mangelt es dadurch oft an dem Begreifen und Wahrnehmen des eigenen Genitals.


Die Entwicklung der körperlichen Kompetenz ist stark von Belang für einen positiven, wertschätzenden Umgang mit dem eigenen Körper. Zur Förderung können wie bereits erwähnt Bälle oder andere Materialien wie Therabänder oder Sitzkissen angeboten werden, da diese zur Erfahrung runder Bewegungen führen. Wie immer, gilt es hier Geschlechterstereotypen zu bekämpfen. Auch Männer dürfen mit dem Hintern wackeln und sich rund bewegen. Unser Körper erlaubt uns Gefühle zu modulieren und regulieren, beispielsweise mittels Atmung, An- und Entspannung. Auch darum sollte Bewegungseinschränkung vermieden werden


2. Emotionale Kompetenz

Hierbei geht es um das differenzierte Wissen über Emotionen und die Ambivalenz von Emotionen. Es ist belangreich, die Vielfalt der eigenen Emotionen verstehen und ausdrücken zu können. Auch hier können wir als Erwachsene ein gutes Beispiel sein, von dem Kinder beobachtend lernen können. Es ist OK, dass sich Dinge manchmal zugleich gut als auch komisch anfühlen. Hier gilt es den Kindern rückzumelden, dass die erfahrenen Emotionen willkommen sind. Beim typischen Beispiel des schreienden Kindes im Supermarkt also gerne dem Kind mitteilen, dass wir seine Wut anerkennen und verstehen. Dann können wir immer noch erklären, warum das Kind jetzt gerade kein Eis haben darf. Emotionen sollten nicht bewertet werden, sondern einfach als solche akzeptiert werden. Zu der emotionalen Kompetenz gehört auch die Fähigkeit Emotionen wahrzunehmen, sowie den Ursprung dieser zu versehen. Dies bildet den Grundstein zur Emotionsregulation. Können wir Emotionen verstehen, können wir sie leichter willkommen heißen. Dann heißt es fühlen und abklingen lassen.


3. Soziale Kompetenz

Zur sozialen Kompetenz gehört das Erlernen von Konfliktlösungsstrategien. Dies Lernen Kinder durch Beobachtung. Auch in der Sexualität kann es zu Konflikten kommen. Hier ist es unglaublich wichtig, diese mit Sprache anstelle von Gewalt lösen zu können.


Auch das Wissen über gesellschaftliche Regeln in Bezug auf Sexualität hört hierzu.

First things first: Grundsätzlich ist es gut, wenn Kinder sich selbst befriedigen. Jedoch gibt es hierbei soziale Regeln zu respektieren. Ein Kind das sich in einer Wiese auf dem Spielplatz befriedigt, verhält sich in erster Sicht OK. Jedoch erlauben die gesellschaftlichen Normen solches Verhalten nicht. Diese schreiben vor, dass Sexualität im Intimen passieren darf, vor allem zu Hause. Wie reagiert man bestmöglich auf das Kind? Bitte nicht mit “Pfui, das macht man nicht!”. Ansonsten vermittelt man dem Kind, dass es etwas Schlechtes ist, sich selbst anzufassen und dies kann zur Schambehaftung von Sexualität führen. Lieber erstmal anerkennen, dass es dem Kind gefällt und das super ist und anschließend erklären in welchen Situationen und Orten sich angefasst werden kann.


Zur sozialen Kompetenz gehört letztendlich auch die Verführungskompetenz. Die Fähigkeit des Kindes etwa eine liebliche Stimme oder große Augen zu nutzen, um etwas zu erhalten, ist an sich super. Dieses Verhalten sollte nicht ständig abgeblockt werden, da Kinder sonst gerne zu anderen Methoden wie etwa Schreien greifen. Gerne also dem Kind die positive Wirkung des Verhaltens rückmelden. Dann könnt ihr immer noch erklären, dass 3 Kugeln Eis am Tag möglicherweise genug sind. ;-)


4. Kognitive Kompetenz

Das ist meist die Kompetenz an die alle zuerst denken, wenn man über sexuelle Aufklärung spricht. Es bedeutet Kindern Wissen und Informationen rund um das Thema Sexualität zur Verfügung zu stellen. Das passiert am besten immer dann, wenn Kinder dazu eine Frage haben und wird etwa ab dem 6.Lebensjahr nochmal intensiver.


Was können wir nun tun, um eine gute Entwicklung von den Kompetenzen zu fördern?


  1. Die Autonomie vom Kind fördern. Es ist gut, das Kind stetig mehr selbst machen zu lassen. Kinder auch mal Kleidungsstücke tragen lassen, die für uns vielleicht nicht zusammen passen.

  2. Die Körperwahrnehmung fördern: Sich draußen bewegen und unterschiedliche Materialien zum Fühlen und Spüren anbieten.

  3. Jederzeit Informationen liefern: Kinder stellen nur dann Fragen, wenn sie zu Hause das auch Gefühl bekommen, dass sie Frage stellen dürfen und Antwort darauf bekommen.

  4. Beziehungslernen: viele Beziehungsmöglichkeiten bieten. Dabei immer klar vermitteln, dass das Kind immer geliebt, akzeptiert und gesehen wird, egal wie es sich verhält.

  5. Kinder bei Identitätsbildung unterstützen: Wenn Kinder Statusspielchen betreiben, dies anerkennen.


Hoffentlich habt ihr viel Neues über die kindliche, sexuelle Entwicklung mitgenommen. Hört euch gerne noch die dazugehörige Podcast-Folge an, dort gibt es sehr viele hilfreiche und spannende Beispiele!


 

Über Corinne Hennico


Corinne (Sie/Ihr) ist Masterstudentin in Psychologie und klärt auf Instagram über queere Themen auf (@queerholisticpsychologist). Aufgewachsen ist sie in Luxemburg, zurzeit lebt sie mit ihrem Partner Marleen (They/Them) in den Niederlanden in einem Camper. Gemeinsam setzen sie sich für Aufklärung in Bezug auf queere Themen, Gender, Körpernormen, Umwelt und Autismus (@actuallyautisticalien) ein. Nebenbei ist Corinne als Fotografin tätig um sich ihre eigene kleine ideale Welt zu gestalten (https://www.livphotography.net/Website ist erst im Aufbau).


Ich bin gut darin mit Fotografie und Poesie Momente festzuhalten.


Meine Herzensthemen sind die Natur, Vögel, und Equity. Zurzeit habe ich ein spezielles Interesse für Tiny Houses. Wenn ich ein "Kondom" wäre, wäre ich ein veganes Dental Dam mit Käsegeschmack, wenn bei uns Veganern die Lust auf Käse hochkommt!


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