Was wir für die "Wahrheit über Sex" halten und andere toxische Glaubenssätze

Artikel zur Folge 41 - "Toxische Glaubenssätze in der Sexualität" des sexOlogisch Podcast

verfasst von Cleo Libro

„Endlich sagt’s mal eine!“ Diesen Gedanken hatten sicherlich viele Menschen, die dem Gespräch von Ida Marie Sassenberg und Magdalena im SexOlogisch Podcast #41 ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben. Nichts anderes lässt sich vermuten, bei der Masse zustimmender Reaktionen und „Ist mir auch passiert!!“-Nachrichten, die Ida über Social Media bekam, nachdem sie dort das erste Mal vor breiter Öffentlichkeit über ihre jahrelangen Erfahrungen mit druckvoller und von Schuldgefühlen geplagter Paarsexualität gesprochen hatte.

Offen und bewegt erzählt Ida von dem Gefühl eigener Unzulänglichkeit, das sie empfand, als sie mit 15 Jahren gemeinsam mit ihrem ersten Freund entdeckte, dass Sex (Achtung! Das wird später wichtig: Hier gleichgesetzt mit vaginaler Penetration) bei ihr einfach nicht funktionieren will. Sie ist aufgeregt und verkrampft sich. Er kommt nicht rein, es tut ihr weh, die Enttäuschung verkrampft sie noch mehr und so nimmt ein mentaler Teufelskreis seinen Anfang, dem Ida bis ins Erwachsenenalter nicht mehr entrinnen wird. Ein Teufelskreis, dessen Wurzeln in jeder Menge toxischen Glaubenssätzen über Sexualität stecken, die die meisten von uns schon seit dem frühesten Kindesalter lernen.

Aber Magdalena und Ida haben gute Nachrichten fürs uns: Diese Glaubenssätze und daraus gewachsene Verhaltensmuster können wir entlernen und unser eigenes sexuelles Repertoire zeitlebens erweitern. Klingt super! Aber dafür müssen wir erst einmal erkennen, um was es sich bei „toxischen Glaubenssätzen“ überhaupt handelt und wo sie sich auch im eigenen Kopf noch verstecken.


Was sind „toxische Glaubenssätze“?

„Glaubenssätze“, das sind Wahrnehmungen der Welt, die wir so fest verinnerlicht haben, dass wir nicht mehr sehen, dass es sich dabei gar nicht um unumstößliche Wahrheiten oder Naturgesetze handeln muss, sondern um subjektive, erlernte Bewertungen der Realität. Meistens übernehmen wir sie aus unserer Umwelt, denn viele von ihnen werden uns indirekt vorgelebt oder schlicht von unseren Vorbildern nicht explizit hinterfragt.

Solche Glaubenssätze sind erst einmal nicht unbedingt schädlich, sie können uns helfen unseren Alltag und das Leben in sozialen Gruppen zu meistern. Wenn sie sich jedoch als Verhaltensweisen entpuppen, die uns in Situationen bringen, mit denen es uns schlecht geht, dann erleichtern sie unser Dasein nicht, sondern engen uns oder andere ein. Weil das auf die Dauer unser Leben mit negativen Erfahrungen regelrecht vergiften kann, werden diese Glaubenssätze als „toxisch“ bezeichnet.

Ganz konkret galten in Idas Sexleben lange die toxischen Glaubenssätze, dass der einzig wahre Sex nur der „Penis in Vagina“-Klassiker sei und dass sie qua Liebesbeziehung dazu verpflichtet sei, ihrem Partner Sex mit ihr immer ermöglichen zu müssen. Ansonsten sei der Arme nämlich nur zu bemitleiden, weil er ja überhaupt nicht zum Zuge käme. Und an Masturbation sei nicht einmal zu denken, wenn man sich doch in einer Partnerschaft befindet, in der dann die Beziehungsperson für die eigene Befriedigung zuständig sein soll. Ein Glaubenssatz, den Ida heute völlig zurecht durch ihren witzigen Sarkasmus als das enttarnt, was er ist: Ein schlechter Witz.



Welche toxischen Glaubenssätze in Sexualität gibt es noch?

Tatsächlich ist es häufig so, dass solche Glaubenssätze aufeinander aufbauen und sich gegenseitig bestätigen. Idas Scham und Schuldgefühle fußten zum Beispiel auf der falschen Annahme, dass Männer* ständig und immer mehr Sex als Frauen* wollen würden, weshalb in hetero Partnerschaften die Frau dem Mann Zugriff auf Sex gewähren müsste, auch wenn sie selbst keinen möchte. Daran wird deutlich, wie stark solche Glaubenssätze Grenzüberschreitungen beim Sex begünstigen. Übergriffe, die häufig von Betroffenen gar nicht als solche benannt werden, weil sie zusätzlich in dem Glaubenssatz feststecken, Vergewaltigung, das sei erst, wenn ein Fremder aus dem Busch springt. Dabei gibt es noch sehr viele Graustufen mehr zwischen besagtem Busch und respektvoller Paarsexualität.

Dass Überreden, Mitleid erregen oder anderen emotionalen Druck ausüben, um an Sex zu gelangen, ebenso schlimme Grenzüberschreitungen sind, diesen Glaubenssatz lernen die wenigsten von klein auf. Und das könnte am toxischen-Sex-Glaubenssatz-Endgegner liegen: Der Behauptung, dass Sexualität selbst als „natürlichste Nebensache der Welt“ nicht erlernt werden müsste. Dabei ist auch auf diesem Gebiet noch kein*e Meister*in vom Himmelbett gefallen.


Und wie werden wir die toxischen Glaubenssätze jetzt wieder los?

Schädliche Sex-Glaubenssätze entlernen ist leider noch kein Schulfach. Aber auch Idas Erfahrung zeigt: Drüber sprechen ist die beste Lösung! Dass das häufig schwerfällt, ist nicht unsere eigene Schuld, denn das Problem ist ein strukturelles. Glaubenssätze, die uns schaden, gibt es zwar in vielen Bereichen, aber die Schamschublade, in der Sex steckt, stellt eine zusätzliche Hürde dar, wenn toxische Glaubenssätze in Sexualität aufgebrochen werden sollen. Denn wenn es schon so tabuisiert wird, positive sexuelle Bedürfnisse anzusprechen, wie viel Überwindung kostet es dann erst, negative Empfindungen und Grenzen zu thematisieren?

Dabei gibt es wenig Schöneres als sich zu öffnen und Akzeptanz durch sein Umfeld oder die aktuellen Sexpartner*innen zu erfahren! Wenn wir Kommunikation über unsere Sexualität üben, dann können wir mit ihr einen Safe Space ohne Vorverurteilungen schaffen, von dem sowohl wir selbst als auch unsere Beziehungsmenschen profitieren. Üben können wir beispielsweise, indem wir Sexpodcasts hören, Blogs lesen und selbst Stück für Stück mit der Sprache über die eigenen Vorlieben und No Gos rausrücken.

Niemand lässt sich heute noch gerne in pauschale Schablonen zwängen. Wieso versuchen wir dann nicht auch unsere Individualität in Sachen Sex nach unseren persönlichen Wünschen und Glaubenssätzen auszuleben? Deutliche Rückmeldung darüber zu geben, was sich für uns gut anfühlt und wo unsere Interessen, Unsicherheiten und Grenzen liegen? Das ist das sexuelle Empowerment, von dem immer alle reden und es kommt mit starken und befreienden neuen Glaubenssätzen für unsere Sexualität um die Ecke.


Lasst uns neue Glaubenssätze feiern!

(Und jetzt alle!)

Du musst keinen Sex haben, den du nicht willst!

Nur weil du anders als viele andere liebst und Sex hast, bist du nicht „falsch“!

(Louder for the people in the back!)

Sex ist viel mehr als nur Penetration!

Du darfst Sex jederzeit abbrechen, egal gegenüber wem oder wozu du vorher eingewilligt hast!

Menschen zum Sex zu drängen ist kein Konsens und nicht okay!

Selbstbefriedigung innerhalb einer Beziehung ist keine Abwertung der Paarsexualität!

Ungewollte Schmerzen beim Sex sind nichts, wo du „halt durchmusst“!

Und egal, was ist: Du bist. Nicht. Allein.


Über Cleo Libro

Im Frühling 2018 kam Cleo zur Welt, als ich mir diesen Namen gab, um zum ersten Mal in einem Podcast über meine offene Beziehung zu sprechen. Mit den Jahren gesellten sich weitere Themen zu meinem regelmäßigen Tabu-Kaffeeklatsch: Weibliche Sexualität, Dating, Masturbation, Konsens und weiteres aus dem Bereich „Lust und Frust einer promisken Frau.“

Seit Januar 2021 existiert mein Blog Cleographie, wo ich meine in Schrift gefassten Gedanken und Erfahrungen zu Non-Monogamy, Zwischenmenschlichkeit und Feminismen veröffentliche. Eine Bauchidee, die stetig zu einem Herzprojekt heranwuchs, weil sie meine Begeisterung für Sprache, Schriftmedien und Sexualität vereint.

Kommunizieren komplettiert mich. Neues lernen fasziniert mich. Schreiben ist mein Versuch etwas von dieser Energie weiterzugeben.

Insta: @cleo.libro


Beschreibe dich in 3 Worten: mitteilsam, mitfühlend, mitreißend

Worin bist du besonders gut: Genießen und mich für etwas begeistern

Was sind deine absoluten Herzensthemen: Alternative Beziehungskonzepte, Kommunikation, Selbstbestimmung und generell alles Zwischenmenschliche oder Sexuelle, das tabuisiert wird.

Welche Kondomsorte wärst du und warum?

Ich wäre ein Kondom von Releaf, weil es super nice riecht/schmeckt, angenehme Haptik und Feuchtigkeit hat und für meine Anwendung ein neuer Baum gepflanzt würde. Außerdem hätte mein Hersteller dann einen guten Humor: Ich sag nur, „Forst pflanzen anstatt fortpflanzen“, hihi.