Wie sieht Prävention im Alltag aus?

MAGDALENA HEINZL, BA MA, SOZIALARBEITERIN, SEXUALPÄDAGOGIN, THEATERPÄDAGOGIN (I.A.), PIA PRÄVENTIONSTEAM IM GESPRÄCH MIT GERTRUDE GRUBER, OBFRAU GOLDHAUBENGRUPPE PUCHENAU


Ein Interview mit mir erschienen in der Zeitschrift "Die Goldhaube OÖ" (Dezember 2020).


In Puchenau besteht seit vielen Jahren eine Goldhauben-Mädchengruppe, die sich einmal im Monat trifft. Du warst Anfang 2000 einige Jahre dabei. Heute mit 25 Jahren – an was aus dieser Zeit erinnerst du dich besonders?

An die gemeinsamen Ausflüge, ich weiß wir waren einmal im Aquapulco oder ein Wochenende in Gutau im Wochenendhaus unserer Gruppen­ leiterin Sabine. Es war ein Riesen­ spaß. Aber auch an die Gruppentref­fen und Bastelnachmittage und an die Feierlichkeiten in Tracht und Goldhäubchen. Besonders waren auch die musikalischen Auftritte bei der Eröffnung des Adventbasars oder beim Maikonzert.


Was machst du jetzt?

Ich arbeite im Verein PIA, den gibt es mittlerweile schon über 24 Jahre. Er wurde gegründet von Frau Christa Pühringer. Sie fand es schade, dass es niemand gibt, der sich um Men­ schen kümmert, denen sexuelle Ge­ walt widerfahren ist. Wir bieten kos­ tenlose Therapie für Betro ene ab 18 Jahren an. Die zweite Säule ist die Präventionsarbeit. Wir halten Work­ shops und Fortbildungen, um das Thema an die Öffentlichkeit zu brin­gen, die Gesellschaft aufzuklären, wie ticken Täter und Täterinnen, und Strategien aufzuzeigen um Kinder zu schützen. Wir arbeiten mit allen Ziel­ gruppen – Kinder, Eltern, Jugend­ liche, Pädagogen und Pädagoginnen, Migranten und Migrantinnen – in der sexuellen Bildung und Prävention gegen sexuelle Gewalt.

Wie wird der Verein PIA finanziert?

Der Verein PIA und somit das Ange­bot ist abhängig von den Subventio­nen und Spenden. Die Nachfrage ist riesig. Es sind viele Schulen, denen wir Workshop­-Packages anbieten, auf der Warteliste. Wir versuchen den Beitrag ziemlich gering zu halten, da­her schießen wir mit Subventionen zu, damit es für alle leistbar ist. Diese Präventions­ Workshops werden von den Schulen angefordert und mit uns individuelle, themenbezogene Work­shops ausgearbeitet, wie z.B. Sexual­pädagogischer Input oder Prävention sexualisierte Gewalt. Wir beraten uns im Vorfeld mit den Pädagoginnen und Pädagogen über die Themen und eruieren, was die Klasse bzw. die Kin­der brauchen. Wir bieten somit sehr individuelle Workshops an. Dazu ge­hören auch Elternabende mit Infor­mation zur sexuellen Gewalt: Wie kann ich mein Kind schützen, Prä­ vention, rechtliche Rahmenbedin­ gungen und nicht zuletzt die Chan­cen aber auch Gefahren im Internet. Gemeinsam mit Pädagoginnen und Pädagogen, Kindern, Jugendlichen und den Eltern leisten wir wichtige Präventionsarbeit. Dieser Bereich ist gerade für mich meine Hauptaufgabe und da gehe ich auch mit Herzblut an die Sache heran.

Ist die Therapie kostenlos?

Ja, die Therapie ist kostenlos. Leider ist es derzeit so, dass man bis zu einem dreiviertel Jahr auf einen The­rapieplatz warten muss. Wir verge­ben nur Termine, wenn wir die Men­schen auch langfristig begleiten können. Dafür sind wir natürlich auf Spenden angewiesen.

Gerade mit den neuen Medien prallt sehr viel auf die Kinder ein, aber auch die Eltern sind damit oft überfordert, beobachtet ihr das auch in euren Beratungen?

Auf jeden Fall! Wenn ich zurückden­ke, ich bin jetzt 25 und das erste Han­dy, das mein Vater hatte war eines mit Antenne. Die Kinder mit 10 oder noch früher wachsen mit dem Smartphone auf. Für sie ist es schon immer da gewesen. Diese Entwicklung geht rasend schnell und ich müsste jedes halbe Jahr eine Fortbildung machen, damit ich weiß, was sich auf diesem Sektor tut. Das damit auch viel Schindluder betrieben wird ist klar. Unsere Aufgabe ist es neben den vie­len positiven Einflüssen auf die Ge­fahren hinzuweisen, um bewusster damit umzugehen.

Kannst du mir Zahlen und Statistiken nennen, wie viele Kinder und Jugendliche betroffen sind?

Die Statistik stößt an ihre Grenzen, da wir nur vom Hellfeld, sprich nur den angezeigten Fällen in diesem Be­reich, sprechen. Die Dunkelziffer ist viel höher, wir gehen jedoch davon aus, dass jedes 4. bis 5. Mädchen und jeder 6. bis 7. Bursch einmal im Leben von sexuellen Übergriffen betroffen sind. Wenn wir von diesen Zahlen ausgehen, sitzt in jeder Klasse, in die wir gehen mindestens ein betroffe­nes Kind. Diese Zahlen schockieren natürlich, aber es ist kein neues Phä­nomen. Da es nicht gerade ein lusti­ges Thema ist, wird es auch oft tod­ geschwiegen – aber damit hilft man Niemandem – außer den Täter*innen. Der Gesellschaft muss bewusst sein, dass wir Erwachsenen für den Schutz und die Sicherheit verantwortlich sind und Rahmenbedingungen schaf­ fen müssen, dass Kinder so etwas im besten Fall überhaupt nicht passie­ren kann.

Ich glaube es ist immer schwierig Verdächtigungen auszusprechen. Welchen Rat kannst du uns geben, müssten wir mehr Mut beweisen begründeten Verdacht sofort anzuzeigen?

Wir empfehlen bei Verdachtsfällen, die einem au allen – erfahrungsge­mäß passieren die meisten Fälle im Familien­ und näheren Bekannten­kreis – diese Wahrnehmungen aufzuschreiben, damit sie aufscheinen. Auch eine Diskussion mit einer ande­ren Person, ihre Sichtweise schildern zu lassen. Jeder hat eine andere Wahrnehmung der Situation, und sich unbedingt professionelle Unter­stützung holen, z.B. in einem Kinder­schutzzentrum. Wichtig ist es auch dem Kind mitzuteilen, dass es sich jederzeit an dich wenden kann. Das Gespräch suchen, Kinder brauchen sehr lange bis sie sich jemanden an­vertrauen. Sie werden von den Tätern und Täterinnen zum Schweigen ge­zwungen und bedroht – du kommst ins Heim, Eltern werden eingesperrt, udgl. – und wenden Druckmittel an. Die Erfahrung zeigt, dass sich ein Kind siebenmal jemandem anver­trauen muss, bis es Hilfe erhält. Wir überhören oft die kleinen, feinen Sig­nale. Ein Kind serviert uns den Miss­brauch nicht am Silbertablett, sondern teilt uns dies mit kleinen Hinweisen mit. Ich will dort nicht mehr hingehen, weil die oder der ist so komisch ... Es ist wichtig genauer hineinzuhorchen und nichts auszu­schließen und auf sein Bauchgefühl hören. Es kann auch eine Frau, ein gu­ter Freund ... sein.

Welche Gesellschaftsschicht ist besonders betroffen?

Der Missbrauch zieht sich durch alle Gesellschafts­ und Berufsschichten. Es gibt Ärzte und Ärztinnen genauso wie Bauarbeiter oder Bauarbeiterin­nen und Personen, die selbst Familie haben. Es gibt keine Berufsgruppe di mehr oder weniger betroffen ist. Leider laufen sie nicht mit Schild herum, dass würde die Sache einfacher machen, aber genau das ist das Gemeine, Unberechenbare.

Was machst du als Ausgleich, ich denke, das ist doch ein Job, bei dem man mit Problemen konfrontiert wird, die nicht so leicht weggesteckt werden können?

Ich finde es ist wichtig immer wieder zu reflektieren, was macht das mit mir? Natürlich gibt es Situationen, bei denen scha e ich es besser mich abzugrenzen, als mit anderen. Dann bespricht man sich mit Kollegen oder Kolleginnen und hinterfragt, warum lasse ich das so nah an mich heran und warum triggert mich das jetzt so. Ich bin aber in der Prävention tätig und arbeite dafür, dass Kindern so etwas im besten Fall nicht passiert und wenn doch, dass sie wissen, wo sie sich Hilfe holen können und Eltern die Verantwortung wieder übernehmen. Hier bin ich stark, da bin ich in einer Position, in der ich mich selbst­wirksam erleben kann. Wenn man das größer angehen könnte – dafür fehlen wieder die finanziellen Mittel – und mehr Institutionen wie Sport­vereine, Pfadfinder, Jungschar uvm. sich mit diesem Thema aktiv auseinandersetzen, umso mehr kann man die bestehen­ den Strukturen durchkreuzen. Das ist mein großes Ziel.

Du bist ja auch nebenbei noch sehr aktiv, hast bei uns den Kirchenchor geleitet. Was machst du noch alles?

Sehr viel Kreatives, Basteln, Singen bei Taufen und Hochzeiten, Theater­ spielen, einmal in eine andere Rolle schlüpfen. Zurzeit mache ich eine Ausbildung zur Theaterpädagogin. Rollenspiele und das Körperbewusst­ sein sind für die Kinder sehr wichtig. Sie spüren sehr oft, dass etwas nicht passt, können es aber nicht zuord­nen. Die Körperarbeit kann da vieles erleichtern.

Ich bedanke mich herzlich bei dir für das Gespräch. Denke gerne an die Zeit mit dir und den anderen Goldhaubenmädchen zurück. Es war eine sehr schöne Zeit mit vielen Aktivitäten und immer sehr lustig mit euch. Danke für dein Engagement im Verein PIA!

Wo kann ich spenden?


Der Verein PIA ist auf Spenden an­ gewiesen. Die Goldhaubengruppe Puchenau hat schon einmal unter­ stützt und tut dies auch gerne wie­ der. Leider ist unser Konzert im Frühjahr Corona zum Opfer gefal­ len, die Einnahmen waren für den Verein PIA vorgesehen. Trotzdem wird die Goldhaubengruppe Pu­chenau den Verein PIA mit 1.500 Euro unterstützen! Ich bin mir sicher, dass jeder Euro unseren Kindern zu Gute kommt.

VEREIN PIA PRÄVENTION, BERATUNG UND THERAPIE BEI SEXUELLER GEWALT 4020 Linz, Niederreithstraße 33 Telefon: 0732/65 00 31 E­Mail: office@pia­-linz.at Bankverbindung: Hypo Oberösterreich, IBAN: AT40 5400 0000 0031 8782, BIC: OBLAAT2L

Die Kontaktaufnahme mit dem Verein PIA kann für manche Be­trffene bedeuten, wieder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten zu entwickeln. Viele unserer Klient*innen lernen dadurch, die innere Isolation zu durchbrechen und sich selbst wie­der anzunehmen. Der Weg dorthin ist mitunter sehr lange und benö­ tigt die Betreuung und Begleitung von Fachpersonal – bei PIA ist dies ein Team von 17 Psychothera­peut*innen, die in Oberöster­reich in verschiedenen Bezirken Klient*innen für PIA betreuen.


Der Buchstabe für das Gewinnspiel am 24.12. lautet heute (13.12.): A.