Sexsucht - zwischen Stigma und Mythen. Ein Betroffener berichtet.

Gastbeitrag von Pascal (er/they)


Das Thema Sexsucht, oder umgangssprachlich auch Nymphomanie, ist ein sehr leidiges. Es wird stiefmütterlich behandelt und selbst Fachärzte sind sich uneinig, ob Sex zur Sucht werden kann. Ich, als selbst Betroffener, sage ganz klar: Ja, Sex kann zur Sucht werden.


Wenn „Sex“ zur Sucht wird

Ausschlaggebend für eine Sucht sind mehrere Dinge, wie etwa, dass man sich bewusst in gefährliche Situationen begibt, um sein Suchtmittel zu bekommen. Dass man stark zwanghafte Gedanken rund um das Suchtmittel erlebt (Gedanken die man nur schwer, bis gar nicht, kontrollieren kann). Aber am wichtigsten, so finde ich, ist der Leidensdruck.

Diese Dinge sind auch bei mir vorhanden und das ist auch das, worin sich eine Sexsucht zur „gesteigerten Sexualität“ unterscheidet. Im ICD-10 gibt es zwei Codes, die eine Sexsucht umschreiben: „gesteigertes sexuelles Verlangen/Hypersexualität“ und „Störung der Impulskontrolle“. Beides wird dem Terminus der Sexsucht in keiner Weise gerecht, denn es ist mehr als „nur“ ein gesteigertes Verlangen oder eine gestörte Impulskontrolle.

Wie bei jeder anderen Sucht auch, fällt es Betroffenen schwer ihre Impulse zu kontrollieren, wenn der Suchtdruck hochkommt (ein extrem unangenehmes und oft quälendes Gefühl, wie wenn man jetzt sofort auf‘s Klo muss, weil man sonst platzt). Während ein neuro-unauffälliger Mensch bei Lust die Handlung oder auch das Gefühl „nach hinten schieben“ kann und sich selbst z.B. sagt: „Ich habe gerade keine Zeit“ oder: „Ich bekomme grade keine Erektion, jetzt geht es nicht. Ich versuche es später nochmal“, ist dies bei einer Sexsucht schwer.

Dazu kommt, dass während bei einer gesunden Sexualität, die Gedanken abebben, dies bei einer Sucht nicht so schnell passiert (es geschieht irgendwann, aber bis dahin ist es eine sehr lange und quälende Zeit). Die Gedanken sind zwanghaft und sich auf etwas anderes zu konzentrieren, wird fast unmöglich.


Sexsucht wird Medial oft als etwas „Erstrebenswertes“ vermarktet

Sexsucht hat nichts mit dem medialen Bild einer Frau zu tun, die es liebt Sex zu haben und dabei „total abgeht“ sondern es ist quälend und leidig. Die Handlung (das kann Sex, Masturbation, Pornografie-Konsum etc. sein) entsteht nicht aus Lust, sondern aus Zwang und aus einer Not.

Die Handlung wird ausgeführt, auch wenn man weiß, dass es gefährlich ist (häufige und teils wechselnde Sexualkontakte; Masturbation mehrfach am Tag und auch wenn der Penis oder die Vulva wund ist, hohe Summen an Geld fließen in Pornografische Seiten oder Sextoys, im Rausch Kondom vergessen usw.). Ich habe mich viel zu oft in gefährliche Situationen begeben, weil im Suchtdruck alles andere unwichtig erschien.

Bei mir war der Masturbationszwang mit ca. 18-20 Jahren so hoch, dass ich (trotz Wunden) mehr als 20x am Tag masturbiert habe (und auch ohne Erektion). Das orgastische Gefühl bei einer Ejakulation bleibt in der Regel aus. Ich ejakuliere, habe aber keinen Orgasmus – ich habe kein gutes Gefühl danach, sondern schäme mich oft oder habe einen starken Selbsthass (Gefühl des Versagens).

Mittlerweile, dank Therapie, kann ich besser damit umgehen und auch auf unangemessene Sprüche anderer wie etwa: „Sexsucht? Ist doch geil! Dann kannst du immer“ adäquat reagieren. Viele sind noch nicht an diesem Punkt und sind dann unsicher.


Meine Bitte als Betroffener von Sexsucht an euch da draußen

Deswegen habe ich zweiten Bitten:

An die Betroffenen: solltet ihr unter eurer Sexualität leiden, sprecht darüber und holt euch Hilfe. Es kann besser werden.

An das Umfeld: Sollte sich jemand euch anvertrauen, nehmt ihn ernst. Unterlasst abwertenden Kommentare wie: „Du bist nur oft geil“ oder: „Sowas ist doch geil, dann kannst du öfter Sex haben“. Jeder Leidensprozess gehört wahrgenommen und sensibel behandelt.


Wenn du mehr zum Thema Sexsucht erfahren willst, dann hör doch gerne in die aktuelle Podcastfolge. Da erzählt Pascal von seinen Erfahrungen und wir klären Mythen rund ums Thema auf. Jetzt auf Spotify, Apple Podcasts und überall, wo es Podcasts gibt.


Zu Pascal

Ich heiße Pascal, bin 28 Jahre alt und komme aus Koblenz, in Deutschland. Ich bin gelernter Ergotherapeut und leite gemeinsam mit meiner Mutter eine Selbsthilfegruppe mit Schwerpunkt „AD(H)S“.

Aufgrund meiner eigenen Erlebnisse engagiere ich mich in meiner Freizeit viel für Belange im Bereich „Mental Health“. Dabei ist meine sehr offene, emphatische und teilweise quirlige Art und meine eigene Therapieerfahrung oft eine große Hilfe.

Neben der Aufklärungsarbeit im Bereich „Mental Health“ interessiere ich mich für Bogenschießen, Inline-skaten, Hula-Hoop, Malen, Kochen, Singen und Tanzen. Einen großen Stellenwert hat dabei hat vor allem das Tanzen, denn dabei komme ich in Einklang mit mir selbst. Ich freue mich, meine Erfahrungen mit euch teilen zu können.