Queere Perspektiven in der sexuellen Bildung

Artikel zur Folge 45 " Queere Perspektiven in der sexuellen Bildung" des sexOlogisch Podcasts

verfasst von Corinne Hennico



Mach dir einen Tee, am besten in deiner Lieblingstasse. Dich erwartet ein Gespräch zwischen Magdalena Heinzl (Sozialarbeiterin, Sexual-, Trauma- & Theaterpädagogin, Sexualtherapeutin (i.A.); sie/ihr) und Debora Vogt (Sozial- und Sexualpädagogin; sie/they).

Vielleicht fragst du dich gerade, warum hinter den Namen Pronomen stehen. Vielleicht fragst du schon Leute, die du kennenlernst nach deren Pronomen. Lasst uns einfach gemeinsam nochmal wiederholen, warum der Gebrauch von Pronomen so wichtig ist.


Warum eigentlich Pronomen?


Generell gilt: es ist nicht möglich vom Aussehen oder Vornamen einer Person Rückschlüsse auf das Geschlecht hat zu ziehen. Wir möchten vermeiden beispielsweise trans- oder nicht-binäre Menschen mit Pronomen anzusprechen, mit denen sie sich nicht identifizieren. Wenn Menschen die cis-geschlechtlich sind (sich dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht zugehörig fühlen), ebenfalls ihre Pronomen angeben, führt das zu einer Eröffnung des Gesprächs und zur Normalisierung. Damit vermeiden wir, dass sich trans-geschlechtliche Personen vorgeführt fühlen.

Vor allem zeigt das Benutzen von Pronomen aber auch, dass Cis-Geschlechtlichkeit nicht die Norm ist.

Debora benutzt die Pronomen sie/they. Diese empfindet sie als sehr inklusiv. Sehr oft ist es für Menschen mit sie/they egal ob sie oder they benutzt wird. Trotzdem sollte man, wie immer, einfach nachfragen.


Queere Perspektiven in der sexuellen Bildung


Was bedeutet queer?


Ist dein Tee eventuell mittlerweile leer? Setz dir doch nochmal schnell eine Tasse auf bevor wir mit einem kleinen historischen Einblick in den Begriff „Queer“ beginnen.

Um 1890 bedeutete der queer in etwa schräg/abweichend. Vor allem wurden schwule Männer damit sehr oft beleidigt. Nach einigen Jahrzehnten jedoch, etwa 1980, eigneten sich Personen der queeren Community queer wieder an. Damit wurde der Begriff als positive Selbstbezeichnung genutzt und spendete Mut. Somit stellt queer zum einen Sammelbegriff als auch Selbstbeschreibung dar. Menschen, die sich nicht cis-geschlechtlich identifizieren und/oder nicht heterosexuell begehren, könnten sich als queer bezeichnen. Am besten also wieder einfach nachfragen, wie euer Gegenüber queer für sich empfindet.


Umzingelt von Heteronormativität


Wir leben leider immer noch in einer Gesellschaft, die davon ausgeht, dass Männer Frauen begehren und umgekehrt. Schon als Kind werden wir mit heteronormativen Filmen und Büchern konfrontiert. Dies kreiert eine Atmosphäre der Heterodominanz. Ein kleines Experiment für dich: Beobachte in den nächsten Tagen, wo dir Heterodominanz auffällt!


Heteronormativität beinhaltet auch, dass etwa gleichgeschlechtliche Paare Angst haben um Händchen laufend durch die Straßen zu laufen. Schief angeguckt zu werden, wenn man sich küsst. Ja, selbst in vielen Ländern wird homosexuelles Begehren mit der TODES(!)strafe bestraft. Wandel ist bitter nötig, und zwar schnell!



Warum braucht es queere Perspektiven in der sexuellen Bildung?


Wie kann sexuelle Bildung nun queerer gestaltet werden?


Leider gestaltet sich sexuelle Bildung bisher aus einer sehr weißen, cis-gender, heterosexuellen Perspektive. Dabei müsste diese sich proaktiv als anti-rassistisch, anti-sexistisch und pro-queer äußern. Ja, auch sexuelle Bildung ist politisch!


Heteronormativität äußert sich hier schon allein bei der Einteilung in Mädchen- und Jungengruppen. Das ist zu kurz gegriffen und schließt beispielsweise intergeschlechtliche, nicht-binäre oder trans Personen aus. Hier können beispielsweise Wohlfühlgruppen gegründet werden. Nachdem es dann bereits bei der Einteilung an Inklusivität mangelt, werden die Mädchen dann gefragt, ob sie denn schon einen Freund hatten. Heterosexuelles Begehren als Norm darzustellen macht es für queere Personen und vor allem Jugendliche sehr schwer sich mit der eigenen Sexualität auseinanderzusetzen. Wenn von den leitenden Personen hier deutlich Betonung auf Freund oder Freundin gelegt wird, entsteht ein offener Raum und dies wird auch von Jugendlichen sehr schnell aufgegriffen. Somit entsteht eine inklusive Kettenreaktion! Ja, es kann echt so leicht sein. Hier sollte auch unbedingt die Möglichkeit der Asexualtität respektiert und erläutert werden.


Es ist wichtig von Beginn an und durch alle Themen hindurch auf inklusive Sprache zu achten. Queere Perspektiven sollten nicht ständig unter den Stempel von „Vielfalt“ gedrückt werden. Queere Menschen und ihre Sexualität ist kein Sonderthema. Erkennst du schon die Heterodominanz?


Genauso muss über Verhütung bei gleichgeschlechtlichem Sex geredet werden. Hier ist Wissen der Jugendlichen unglaublich wichtig, denn bei Nachfrage nach Lecktüchern in der Apotheke steht man meist einem großen Fragezeichen gegenüber! Genauso muss hier auf eine positive Einstellung gegenüber Sexualität ausdrücklich geachtet werden! Nein, unser Wert als Mensch wird nicht durch „zu“ frühen Sex zerstört. Und was bedeutet zu früh? Und nein, wir sind auch keine Schlampe, wenn wir Freude an Sex haben. Genauso sind wir nicht dumm, wenn wir in jungem Alter schwanger werden.


Darauf erstmal einen Schluck Tee. Für manche fühlt es sich vielleicht konfrontierend an, all diese Informationen zu lesen. Gerade dann, lest bitte weiter. Wir alle tragen gemeinsam die Verantwortung für Inklusivität und Wohlbefinden unserer Mitmenschen.


Praxisbeispiele


Namenkarten mit Pronomen

Erstellt für alle Teilnehmer Namenkarten mit Pronomen. Eventuell kann dies bereits als Aktivität gestaltet werden. Wenn für alle Teilnehmenden Pronomen angegeben werden, schafft das Bewusstsein. Zusätzlich wird sofort das Gespräch eröffnet.


Sex-Ampel:

Die Sex-Ampel ist ein wichtiges Tool, um den Teilnehmenden den Unterschied zwischen Sex und sexualisierter Gewalt zu veranschaulichen. Hierbei hat man die drei folgenden Leuchten. Wenn alle drei auf grün leuchten, kann man von Sex reden.


1. Kopf (Ich habe schon darüber nachgedacht mit der/den Person(en) oder mir Sex zu haben)

2. Bauchgefühl (Ich spüre mich mit der/den Person(en) wohl)

3. Genitalien (Ich spüre ein Erregungsgefühl)


Beispiel: Ich habe mir schon mal Sex mit der Person vorgestellt und fühle mich mit der Person wohl. Jedoch spüre ich momentan kein Erregungsgefühl. Drängt mich die Person trotzdem zu Sex, kann man hier von sexualisierter Gewalt sprechen.

Toll an der Ampel ist, dass weder Solo-Sex, noch Sex mit mehreren Personen ausgeschlossen wird. Da hier Sex nicht mit Penetration gleichgesetzt wird, wird auch queerer Sex miteingeschlossen. Wenn man möchte, kann man dann selbst eine intime Umarmung, bei der man ein Kribbeln verspürt, für sich selbst als Sex definieren.


10 Schritte zum Sex

Hier teilt man die Anwesenden in Gruppen ein und beauftragt sie zu brainstormen, was man als 10 Schritte zum Sex ansieht. Im Anschluss können alle Gruppen vortragen. Dort wird dann meist deutlich, wie unterschiedlich Normen für uns ausfallen können. Auch für die leitenden Personen kann es interessant sein die Unterschiede dieser Normen für die unterschiedlichen Altersgruppen zu beobachten.


Inklusiver Menstruations-Talk

Bei der Aufklärung bezüglich Menstruation muss klar betont werden, dass nicht nur Mädchen/Frauen menstruieren und dass nicht jede Person mit einer Vulva menstruieret.


Quizspiele zur Reflektion

Entweder Geschichten oder Fotos vorlegen. Dabei bewusst geschlechtsneutrale Namen wählen. Nach den Geschichten kann man dann erfragen, ob die Teilnehmenden ein Geschlecht innerhalb des binären Systems im Kopf hatten. Da kann man dann darauf eingehen wie Normen bereits in unseren Köpfen verankert sind und wieder Bewusstsein für Inklusivität schaffen! Hier kann es auch interessant sein zu diskutieren, warum dies so ist (auf Medien, Bücher usw. eingehen).


End-Fazit


Wenn du es bis hierhin geschafft hast: Vielen Dank! Lasst uns versuchen lernfreudig und flexibel zu bleiben und offen für Veränderung zu sein! Anstatt Personen innerhalb der queeren Community zu befragen, lest ein Buch oder hört euch Podcasts an! Personen zu befragen kann sehr oft re-traumatisierend und grenzüberschreitend sein!


Beginnen kannst du heute schon mit inklusiver Sprache! Frag doch heute Abend auf der Party: „Bist du eigentlich in einer Beziehung?“ anstatt "Hast du einen Freund!"


Über Corinne Hennico

Corinne (Sie/Ihr) ist Masterstudentin in Psychologie und klärt auf Instagram über queere Themen auf (@queerholisticpsychologist). Aufgewachsen ist sie in Luxemburg, zurzeit lebt sie mit ihrem Partner Marleen (They/Them) in den Niederlanden in einem Camper. Gemeinsam setzen sie sich für Aufklärung in Bezug auf queere Themen, Gender, Körpernormen, Umwelt und Autismus (@actuallyautisticalien) ein. Nebenbei ist Corinne als Fotografin tätig um sich ihre eigene kleine ideale Welt zu gestalten (https://www.livphotography.net/Website ist erst im Aufbau).

Ich bin gut darin mit Fotografie und Poesie Momente festzuhalten.

Meine Herzensthemen sind die Natur, Vögel, und Equity. Zurzeit habe ich ein spezielles Interesse für Tiny Houses. Wenn ich ein "Kondom" wäre, wäre ich ein veganes Dental Dam mit Käsegeschmack, wenn bei uns Veganern die Lust auf Käse hochkommt!