Kinderpornografie - Im Gespräch mit der Kriminalpolizei *

Huhu, ich bin Isabel vom Blog „offener Zweier“ (www.offenerzweier.de)


Ich fasse an dieser Stelle den Podcast „Sexologisch“ von der wunderbaren Magdalena zusammen - Für Leseratten und alle, die das Gesagte gerne nochmal nachlesen möchten.





* Content Note:

Die Folge 71 ist nichts für schwache Nerven, dennoch ist sie wichtig um über die dunklen Seiten der Welt aufgeklärt zu sein, nicht die Augen zu verschließen und so Kinder und Jugendliche zu schützen. Es geht um sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Magdalena telefoniert hierzu mit Chefinspektor Wolfgang Dirisamer vom Landeskriminalamt Oberösterreich.


Wenn dich das Thema triggert oder zu sehr belastet, springe bitte zu einem anderen Blogtext, oder lies diese Zusammenfassung gemeinsam mit einer Bezugsperson, mit welcher du im Anschluss einen guten Ausklang dieses Themas finden kannst.


In dieser Folge wird der Begriff „Kinderpronografie“ verwendet, da dieser im Strafgesetzbuch Anwendung findet und damit den strafrechtlichen Richtlinien entspricht. Hierzu ist anzumerken, dass hinter jedem Kinderpornografischen Material immer sexuelle Gewalt und sexueller Missbraucht stehen, welche nicht verharmlost werden dürfen.


In dem Telefonat gehen Magdalena und Wolfgang Dirisamer auf relevante Fakten, aber vor allem auf den Punkt ein, wie wir es Täter*innen möglichst schwer machen und Kinder und Jugendliche vor dieser Gefahr schützen können.


Ermittlungsbereich 03 – Landeskriminalamt Oberösterreich


Wolfgang Dirichsamer leitet beim Landeskriminalamt Oberösterreich den Bereich, der sich mit Sexualdelikten aller Art beschäftigt. Seit 1983 ist er Polizist und seit über 30 Jahren Kriminalbeamter. Er und seine Kolleg*innen bearbeiten ausschließlich Fälle in denen es um Vergewaltigungen, sexuellen Missbrauch, und Kinderpornografie geht.


„Was fällt alles unter Kinderpornografie?“, fragt Magdalena.

Grundsätzlich sind alle Darstellungen minderjähriger Personen – seien es Fotos oder Videos- als Kinderpornografisches Material zu verstehen. Das Schutzalter besteht von 0 bis 18. Sexuell mündig sind Jugendliche ab 14 Jahren. Handelt es sich um Straftaten mit unter 14-Jährigen, werden diese besonders streng bestraft.


Dennoch kann Wolfgang Dirichsamer, im Bereich der pornografischen Aufnahmen von Kindern und Jugendlichen, in den letzten Jahren leider einen Anstieg verzeichnen. 30 – 40 % aller Fälle, die auf dem Schreibtisch des Ermittlungsbereichs 03 landen, gehören zu dieser Art Straftat.


Täter und ihre Vernetzungen


Seit langem besteht der Mythos, Kinderpornos seien vor allem im sogenannten Darknet zu finden. Doch was ist dran an der Behauptung, im schwarzen Netzwerk sei solches Material verhältnismäßig einfach zu beschaffen? Chefinspektor Dirisamer bestätigt, dass einige Täter sich Fotos und Videos im Darknet beschaffen, allerdings sei dies nicht ganz so einfach. Es soll natürlich vermieden werden, dass Ermittler*innen dem Treiben auf die Schliche kommen. So gibt es verschiedene Bedingungen, wie z.B. sogenannte Keuschheitsprüfungen die man erbringen muss, um zu beweisen, dass man ebenfalls pädophil ist, entsprechendes Material bereits besitzt oder weitergeben kann.

Doch es wird nicht nur das Darknet zur düsteren Weitergabe benutzt.

Täter vernetzen sich auf verschiedenste Art und Weise. Auch Social media gilt als Verbreitungsmedium mit welchem Dateien versendet werden. Obgleich dies datenschutztechnisch eigentlich schwierig ist, gibt immer noch Möglichkeiten sich in Grauzonen zu bewegen - Insider wissen genau was zu machen ist.


Was ebenso überraschend wie erschreckend ist, dass nicht nur Männer, sondern auch Frauen kinderpornografisches Material produzieren und verbreiten.


Auch Frauen werden zunehmend als Mittäter registriert.

Während dies noch vor einigen Jahren so gut wie gar nicht vorkam, wirken nun immer mehr Frauen als Darstellerinnen in den grausigen Aufnahmen mit, lassen sich fotografieren und/oder filmen. Meistens sind diese Frauen mit den Missbrauchstätern liiert oder in irgendeiner Form bekannt.


Weiterhin sind die eigentlichen Missbrauchstäter jedoch hauptsächlich Männer. Diese stammen häufig aus der Familie oder dem engen Bekanntenkreis der betroffenen Kinder und Jugendlichen. So sei an dieser Stelle nochmal darauf hingewiesen, dass Ausgangsbasis der Straftat nicht das Bild oder das Video ist, sondern der Missbrauch an dem Opfer. Dieser Missbrauch wird allerdings per Foto oder Video festgehalten und im schlimmsten Fall weiterverbreitet.


Magdalena fragt wie alt die betroffenen Kinder und Jugendlichen im Schnitt sind. Die Antwort darauf erschüttert: denn eine Grenze nach unten gibt es nicht.

Betroffen können vom Säugling bis zum fast Volljährigen alle sein.


So berichtet Wolfgang Dirisamer von einem Fall, der sich vor kurzem zugetragen hat, in welchem es sich bei dem Opfer um einen 8 Wochen alten Säugling gehandelt habe.


Wie geht die Polizei mit dem grausigen Fund um?


Viele Fotos und Videos kommen erst im Rahmen einer Hausuntersuchen zum Vorschein. So sticht die Polizei nach den ersten entdeckten Aufnahmen nicht selten in ein Wespennest in dem tausende von Videos und Fotos sichergestellt werden. All diese Aufnahmen müssen einzeln gesichtet und kategorisiert werden um später von der Staatsanwaltschaft angeklagt zu werden. Dies geschieht nicht durch separates Personal. Chefinspektor Dirisamer und sein Team nehmen führen die Sichtungen des sichergestellten Materials selber durch.


Natürlich kommt da die Frage auf, wie das Team mit den grausigen Funden auch persönlich umgeht. Wolfgang Dirisamer gibt auf die Frage hin zu, dass sein Bereich nicht mit Personal gesegnet sei.


Es ist nicht einfach jemanden für diesen Bereich der Polizeiarbeit anzuwerben.

Häufig bestehen Berührungsängste und man weiß nicht was da auf einen zukommt. Alleine die Vorstellung an Kinderpornografisches Material schräkt ab. Wenn neue Kolleg*innen dann doch dazustoßen, gibt es verschiedene Ansätze wie man die Tätigkeit im Ermittlungsbereich 03 am besten verkraftet.


Hauptsächlich bestärkt das Team von Wolfgang Dirisamer der Gedanke, dass die betroffenen Kinder vor weiteren Übergriffen geschützt werden. Allein dies sei für das Team wert, sich die Strapazen Tag für Tag anzutun. Würden sie die Gräueltaten nicht zur Anklage bringen, müssten die Opfer vermutlich viele Jahre weiter leiden.


Die Polizei bewahrt die Opfer vor weiteren Schandtaten


So erzählt der Chefinspektor von einem Missbrauchskomplex in dem sich ein Täter mit Weiteren in Österreich vernetzt hat und deren Opfer im Austausch missbraucht werden sollten. Insgesamt waren 14 Kinder betroffen. Das jüngste war acht Wochen alt.


Hin und wieder erhalten die Beamt*innen des Teams – wie im o.g. Fall - Rückmeldung wie es den betreuten Kindern jetzt geht. Dies gibt neuen Auftrieb um weitere Fälle zu lösen. Grundsätzlich habe der Job gemäß Wolfgang Dirisamer auch in Bezug auf die Technik interessante Aspekte. Um den Täter*innen auf der Spur zu bleiben, müsse das Team immer auf dem neusten Stand sein. Zudem müssen die Beamt*innen die technischen Zusammenhänge kennen und begreifen. Auch dies ist etwas, was so manche Ermittler*innen motiviert.


Was die Psychohygiene - wie Magdalena es treffend nennt – angeht, so ist der Umgang mit der Belastung sehr individuell. Seitens der Dienstgeber wurde die Möglichkeit geschaffen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, allerdings wird zur Verarbeitung eher der Austausch teamintern genutzt. Das Betriebsklima ist dem Team des Ermittlungsbereichs 03 sehr wichtig. Auch nach Dienstschluss sitzen die Beamt*innen zusammen, besprechen ihre jeweiligen Fälle und stärken sich gegenseitig. Natürlich gab und gibt es Fälle in denen Ermittler*innen die Geschehnisse nicht verkraften, aber dann ist es ist wichtig und in Ordnung die Reißleine zu ziehen. Jeder Mensch ist unterschiedlich belastbar und auch innerhalb eines Lebens ist die individuelle Belastbarkeit nicht immer gleich.


Eine gewisse „Verfachlichung“ des Jobs ist wichtig für die eigene Psyche.

Auch ist es in diesem Job maßgeblich, ob die Ermittler*innen Kinder haben oder nicht. Dennoch ist es wichtig sich nicht zu sehr mit den Fällen zu Identifizieren und diese im Sinne von „das könnte mein Kind sein“ nicht zu sehr an sich ran zu lassen. Ähnlich der Tätigkeit von Ärzt*innen, welche tagtäglich mit Krebspatienten zu tun haben, ist es sinnvoll die Tätigkeit der Ermittler*innen des Fachbereichs 03 zu verfachlichen.


„Bei Kinderpornografie geht es um die Opfer nicht um die Täter“


Die Beamt*innen müssen bei der Sichtung von Fotos und Videos die Frage beantworten, ob es sich um eigen hergestelltes Material handelt, oder ob die Darstellungen bereits im Netz kursierten. Erfahrung und Gefühl helfen den Ermittler*innen dabei Opfer zu identifizieren und infolge dessen Täter*innen festzunehmen.


Zwangsläufig müssen auch die betroffenen Kinder und Jugendlichen vernommen werden. Ohne deren Willen, sowie der Zustimmung der sorgeberechtigten Personen, wird eine Befragung nicht durchgeführt.


Der Schutz der Opfer liegt beim Befragen im Vordergrund


Während Erwachsene direkt befragt und die Antworten mittels Computer protokolliert werden, wird die Vernehmung von Kinder (ab 4/5 Jahren) und Jugendlichen besonders behutsam, in extra gestalteten Kinderzimmern, durchgeführt. Für diesen Zweck geschultes Personal, nimmt acht auf die Zeit und versucht die Opfer nicht zu frontal mit Fragen zu konfrontieren. Es wird versucht den Erzählfluss spielerisch zu fördern. Durch installierte, für das Kind nicht sichtbare, Kameras kann das Ganze digital festgehalten werden, ohne dass es zu Unterbrechungen durch Protokollieren und Nachfragen kommt. Das gemachte Video wird dann der Staatsanwaltschaft zur Verfügung gestellt und kann im Bedarfsfall z.B. zu einer Begutachtung eines Sachverständigen hinzugezogen werden, ohne dass das Opfer erneut befragt werden muss.


Nicht selten verlaufen allgemeine Straftaten aufgrund von mangelndem Beweismaterial im Sande. Bei Straftaten, in denen es um Kinderpornos geht, liegt, durch die vorliegenden Beweisfotos und -Videos, die Aufklärungsquote hingegen bei 90%. Während noch vor einigen Jahren den Beamt*innen immer dieselben Videos angeboten wurden, gibt sich das heutige Klientel oft nicht mehr mit dem zufrieden, was im herkömmlichen Netz kursiert.


Unter den Opfern sind auch Kinder und Jugendliche aus unserer Nachbarschaft


So lässt sich aktuell leider der eschreckende Trend beobachten, dass Personen die sich Kinderpornos beschaffen auch selber Täter / Missbraucher sind. Weil bei einigen Pädophilen der Wunsch aufgekommen ist, Material zu besitzen das es noch nicht im Netz gibt, stammen die Opfer nicht mehr nur aus dem asiatischen-, russischen- oder südamerikanischen Raum, sondern wohnen auch vor unserer Haustür.


Was können wir als Zivilgesellschaft tun?


Magdalena fragt in dem Telefonat mit dem Chefinspektor, was wir als Gesellschaft konkret tun können, um es Täter*innen möglichst schwer zu machen und Kinder und Jugendliche bestmöglich vor diesen zu schützen. Laut Wolfgang Dirisamer ist es vor allem wichtig, aufmerksam zu sein, auch was die Internetaktivitäten der Sprösslinge angeht.


Eltern schauen z.T. nicht kritisch genug hin.

Fälle, in denen Kinder und Jugendliche durch eine wildfremde Person dazu gebracht wurden, Nacktaufnahmen von sich zu machen, waren zumeist die, bei denen Mutter und Vater nicht genau hingeschaut haben. Natürlich sollte man seinem Kind nicht gänzlich misstrauen, dennoch ist es für diese im Netzt schwierig, Freund und Feind voneinander zu unterscheiden. Daher sollten Endgeräte möglichst überwacht oder mit entsprechenden Sicherheitsprogrammen, die verhindern das bestimmte Apps / Social Media Programme heruntergeladen werden können, ausgestattet werden.


Neben der Kontaktaufnahme bei Facebook und Co., finden Täter ihre Opfer häufig auch auf Spieleplattformen. Dort geben sie sich z.B. als Gleichaltrige aus und fragen nebenbei zunächst nach vermeintlich harmlosen Aufnahmen der Schuhe oder Füße, bis irgendwann das Vertrauen des Kindes erlang ist und auch die geforderten Bilder ins Eingemachte gehen. So kommt es leider immer wieder vor, dass sich bereits Jungen und Mädchen im Vorschulalter vor laufender Kamera entblößen. Für Wolfgang Dirisamer ist es daher zwingend notwendig, dass Eltern ihren Kindern immer wieder auf die Finger schauen und mit ihnen offen über mögliche Gefahren reden.


Der österreichische Verein Safer Internet (zu erreichen unter: www.saferinternet.at) beschäftigt sich intensiv mit möglichen Präventivmaßnahmen und bietet hierzu hilfreiche Informationen.


Natürlich lauern auch in der realen Welt Gefahren, weshalb Eltern wachsam sein sollten, mit und bei wem sich ihr Kind aufhält. Auffällige Geschenke von Fremden, Nachbarn oder Personen aus dem Bekanntenkreis können mögliche Warnsignale sein. Kinder und Jugendliche aufwändig zu beschenken ist nicht normal.


Wer einem Kind was schenkt verlangt ggf. eine Gegenleistung


Magdalena weist darauf hin, dass wir Menschen bereits als Kind lernen, dass man sich für ein Geschenk bedankt und etwas zurück gibt z.B. ein Bussi an die Tante. Dies macht es den Tätern leicht Kinder unter Druck zu setzen und zu drohen Ihnen das Geschenk wieder zu nehmen, wenn sie nicht stillhalten oder jemanden davon erzählen.

Wichtig ist auch mit Kindern und Jugendlichen offen über mögliche Gefahren zu sprechen und vor allem zu vermitteln, dass man immer ein offenes Ohr hat und auf keinen Fall mit Strafen zu rechnen ist, falls sie doch mit einer verkehrten Person in Kontakt geraten. Magdalena kennt durch die von ihr betreuten Schulklassen die Angst, nicht mehr mit den Freunden „zocken“ zu dürfen, wenn sie doch auf eine „böse Person“ hereinfallen.


Aufmerksamkeit und Vorsicht ist wichtig! Kinderbilder haben im Netzt nichts zu suchen!

Ob beispielsweise Familien- oder andere Erinnerungsfotos, auf denen Kinder zu sehen sind, öffentlich gezeigt werden sollten, wird immer wieder heiß diskutiert. Gemäß Chefinspektor Wolfgang Dirisamer haben Urlaubsbilder auf denen Kinder unbekleidet oder sogar nackt zu sehen sind, im Netz nichts zu suchen. Bilder auf denen der Nachwuchs, von hinten, nur schemenhaft und ohne Gesicht abgebildet sich, sind hingegen in Ordnung. Dennoch verhalten sich noch viele Erziehungsberechtigte zu unbedarft und sind sich der möglichen Gefahren nicht bewusst. Was einmal im Netz ist, bleibt im Netz und kann von jedermann eingesehen und ggf. zweckentfremdet werden.

Wie in jeder Podcastfolge fragt Magdalena auch diesmal welche Botschaft den Hörern zum Schluss mitgegeben werden soll. So fordert Wolfgang Dirisamer auf, dass wir alle aufmerksamer aufeinander, auf unsere Kinder, Familie, die Nachbarschaft und den Bekanntenkreis achten. Es sei wichtig, den Blick zu schärfen ohne in Jedermann gleich eine Gefahr zu sehen. Verlasst auf euch auf euren gesunden Menschenverstand und auf das Fingerspitzengefühl!


Bei Unsicherheiten ist es auch möglich sich anonym an den Ermittlungsbereich 03 des Landeskriminalamt Oberösterreich zu wenden, ohne gleich eine Anzeige zu erstatten. Oft hilft schon eine kurze Einschätzung erfahrener Ermitler*innen. Auch ist es möglich, sich an Kinder- oder Opferschutzeinrichtungen zu wenden, die einem beratend zur Seite stehen.


Danke Magdalena und Chefinspektor Wolfgang Dirisamer für die wach rüttelnde Folge, aus der sicherlich einige etwas Lehrreiches mitnehmen können.