Kann Sex feministisch sein? #Folge60

Der Titel dieses Beitrags und der sexOlogisch Podcastfolge #60 eröffnet ein weites Diskussionsfeld für Magdalena und ihre Gesprächspartnerin Beatrice Frasl, die sich mit ähnlichen Fragen in ihrem Podcast „Große Töchter“ und in ihrer Tätigkeit als Autorin und freie Journalistin häufig und erfolgreich auseinandersetzt.


Falls die Antwort auf den Titel des Beitrags „ja“ lautet, wie genau lassen sich dann Sex und Sexualität feministisch gestalten? Was sind mögliche Vorteile davon? Oder anders gefragt: Wieso sollten wir uns als individuelle Personen die Mühe machen, Sex als etwas anderes als eine absolute Privatsache zu betrachten? Was kann mein persönliches Sexualverhalten schon in unserer Gesellschaft verändern? Na, vor allem wie selbstbestimmt die Zukunft unserer Gesellschaft – nämlich die nachfolgende Generation – mit Sexualität umgehen wird!


Text zur Podcast-Folge 60, verfasst von Cleo Libro.




Sex ist politisch


Direkt zu Anfang ihres gemeinsamen Versuchs, feministischen Sex zu definieren, stoßen Beatrice und Magdalena auf das genaue Gegenteil: Sie stellen fest, dass jede Menge Vorstellungen und Glaubenssätze, die wir über Sex verinnerlicht haben, ein Bild malen, das Lust als etwas darstellt, das uns ausschließlich „überkommt“. Besonders normativ-heterosexueller Paarsex wird häufig als etwas gezeichnet, das der Mann immer will und der Frau passiv passiert, obwohl sie oft weder Orgasmen noch Lust und möglicherweise stattdessen Schmerzen empfindet.


In dieser Darstellung von Sex als ohne jegliche Kommunikation und völlig selbstständig entstehende Dynamik, die für immer und für alle gleich lustvoll ist, wird er als besonders romantisch und „richtig“ interpretiert. Dabei ist Sex auf diese Weise vor allem eins: Antifeministisch.


Antifeministisch, nicht weil Feminismus generell eine sexnegative Bewegung wäre (so ist es auf gar keinen Fall). Sondern weil die Selbstbestimmung als feministisches Grundprinzip auch in der Sexualität einen hohen Stellenwert erhält. Solange wir allerdings daran festhalten, dass Lust und Paarsexualität einfach mit uns geschehen, ohne dass wir dabei die Kontrolle über den eigenen Lustgewinn und Körper haben und ohne, dass Konsens und Bedürfnisse kommuniziert werden, solange feiern wir das Gegenteil von selbstbestimmtem Sex als Ideal.

So unromantisch das klingen mag, so häufig geht uns auch im eigenen Bett das Bewusstsein über unsere Handlungsfähigkeit verloren. Stattdessen verfallen wir in alte Muster, Rollenzuschreibungen und Skripte darüber, wie Sex abzulaufen hat.


Den eigenen Sex reflektieren


In feministischem Sex treffen Selbstbestimmung und das Hinterfragen der eigenen sexuellen Wünsche und Bedürfnisse zusammen. Nicht selten gerät eine Person, die über eigene Vorlieben in der Wahl der Partner*innen oder der Sexpraktiken reflektiert, dabei in einen inneren Konflikt. Und zwar dann, wenn der persönliche Wunsch auf einer patriarchal-gesellschaftlichen Prägung beruht, die die Person auf intellektueller Ebene als eigentlich gar nicht mehr angemessen betrachtet.


Magdalena begegnet in ihrer sexualtherapeutischen Arbeit mit Heteropaaren zum Beispiel vielen jungen Frauen, die den Wunsch hegen, die Penetration ihrer Vagina als lustvoller zu empfinden oder sogar dadurch zum Orgasmus zu kommen. Viele der Frauen wünschen sich dieses Erleben für ihre individuelle Erfahrung mit ihrem Partner, obwohl ihnen bewusst ist, dass Höhepunkte, die durch andere Arten der Stimulation entstehen, ein vollkommen legitimes und gleichwertiges sexuelles Erleben darstellen. Dennoch wünschen sie sich, das vermeintliche Ideal des sagenumwobenen vaginalen Orgasmus in ihr Repertoire aufnehmen zu können. Diesem individuellen Wunsch ist immer mit Akzeptanz zu begegnen. Denn Wünsche, die die Selbstreflektion über die sexuellen Vorstellungen und Skripte „überstehen“, entsprechen unserem tatsächlichen Bedürfnis. Es wird selbstbestimmt gesagt: „Das ist, was ich eben will. Ich möchte es nicht, weil ich denke, dass man das halt so macht.“


Eine feministische Kritik an unseren (sexuellen) Vorlieben bleibt dabei immer eine strukturelle Kritik und keine individuelle. Auch Beatrice Frasl findet es zu viel verlangt, dass eine Einzelperson gegen eine Prägung ankämpfen soll, die ihm*ihr von einer gesamten Gesellschaft auferlegt wurde. Stattdessen sollten wir uns unserer Prägungen und den daraus entstehenden Mustern bewusstwerden und auch das strukturell kritisieren, was wir selbst tun. Der bewusste, öffentliche Diskurs über unseren Sex ist deshalb ein wichtiger feministischer Ansatz.


Den lustvollen Zugang zum eigenen Körper finden und erweitern


Und wenn du jetzt vielleicht denkst, dass diese ganze feministische Reflektion über Sexualität ziemlich trocken und unsexy klingt, dann lass mich dich bitte an eins erinnern: Es geht hier um Lust! Natürlich sollst du dir nicht den eigenen Spaß an der lustvollen Entdeckung deines Körpers und deiner Vorlieben nehmen. Versuch stattdessen doch mal, das Thema als eine große Spielwiese zu betrachten, auf der du alleine mit dir oder gemeinsam mit deinen Sexpartner*innen unterwegs bist.


Spielerisches Entdecken der eigenen Lust kann so viel umfassen: Solosex mit und ohne Toys, Fantasien erkunden und mitteilen, erkennen, dass in sexuellen Dynamiken mit anderen Menschen immer Bedürfnisunterschiede bestehen, die legitim und vielleicht sogar spannend sind. Finde heraus, wie erotisch es sein kann, wenn du mehr über deine eigenen sexuellen Bedürfnisse und die deiner Intimpartner*innen erfährst. Und falls sich dabei herausstellt, dass du dich beim Paarsex bisher so verhalten hast, wie du dachtest, dass es „richtig“ sei, anstatt zu tun, was wir wirklich gefällt… Dann keine Sorge: Wir sind unser Leben lang in der Lage zu lernen und unser sexuelles Repertoire zu erweitern. Und Magdalena hilft dir dabei!


Konsens ist und bleibt das A und Oh ja


Ein zentrales Mittel, mit dem selbstbestimmter und feministischer Sex gelebt wird, ist Kommunikation. Auch Beatrice und Magdalena sind sich einig, dass wir „den Sex aus der Sprachlosigkeit herausholen“ müssen, um den Dingen, die wir mögen einen Namen geben zu können. Und um unseren Mitspieler*innen auf der „Spielwiese Sex“ mit eindeutigen Worten begreifbar machen zu können, wo die eigene Komfortzone endet und was unverrückbare Grenzen sind.


Mal ehrlich, wie sollen wir auch wissen, wann der richtige Zeitpunkt für den ersten Schritt in den persönlichen Bereich eines anderen Menschen ist, wenn wir ihn*sie nicht fragen? Natürlich gibt es implizite Signale, wie eine einladende und zugewandte Körpersprache oder das Geknister der „richtigen Atmosphäre“. Aber wie einfach und schnell werden solche subtilen Zeichen missverstanden! Jemanden ohne Rückfrage zu küssen, weil man glaubt, dass der richtige Moment dazu gekommen sei, ist nicht romantisch, sondern vor allem übergriffig und riskant.


Nimm dir und deinen Liebsten nicht die Möglichkeit euren Konsens zu geben und den Aktionen enthusiastisch zuzustimmen, auf die ihr wirklich Bock habt! Nur so können alle ihren Sex selbstbestimmt und dadurch feministisch gestalten. Probier’s aus, es lohnt sich!

 

Über Cleo Libro

Im Frühling 2018 kam Cleo zur Welt, als ich mir diesen Namen gab, um zum ersten Mal in einem Podcast über meine offene Beziehung zu sprechen. Mit den Jahren gesellten sich weitere Themen zu meinem regelmäßigen Tabu-Kaffeeklatsch: Weibliche Sexualität, Dating, Masturbation, Konsens und weiteres aus dem Bereich „Lust und Frust einer promisken Frau.“

Seit Januar 2021 existiert mein Blog Cleographie, wo ich meine in Schrift gefassten Gedanken und Erfahrungen zu Non-Monogamy, Zwischenmenschlichkeit und Feminismen veröffentliche. Eine Bauchidee, die stetig zu einem Herzprojekt heranwuchs, weil sie meine Begeisterung für Sprache, Schriftmedien und Sexualität vereint.

Kommunizieren komplettiert mich. Neues lernen fasziniert mich. Schreiben ist mein Versuch etwas von dieser Energie weiterzugeben.

Insta: @cleo.libro


Beschreibe dich in 3 Worten: mitteilsam, mitfühlend, mitreißend


Worin bist du besonders gut: Genießen und mich für etwas begeistern


Was sind deine absoluten Herzensthemen: Alternative Beziehungskonzepte, Kommunikation, Selbstbestimmung und generell alles Zwischenmenschliche oder Sexuelle, das tabuisiert wird.


Welche Kondomsorte wärst du und warum?

Ich wäre ein Kondom von Releaf, weil es super nice riecht/schmeckt, angenehme Haptik und Feuchtigkeit hat und für meine Anwendung ein neuer Baum gepflanzt würde. Außerdem hätte mein Hersteller dann einen guten Humor: Ich sag nur, „Forst pflanzen anstatt fortpflanzen“, hihi.


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